Notizen zum Verhältnis von Evolutionstheorie und Soziologie

Die von Manfred Hammerl organisierte Ad-hoc Gruppe Evolutionäre Soziologie. Zum Verhältnis von Evolutionstheorie und Soziologie im Rahmen des ÖGS-Kongresses 2019 könnte als Bestandteil einer Aufklärungskampagne gesehen werden. Eine derartige Absicht erscheint folgerichtig vor dem Hintergrund von Verweigerung, Ignoranz, und Angst vieler Soziologen gegenüber evolutionstheoretischen Argumenten. Denn mit der Ablehnung und Missachtung der Evolutionstheorie sieht Hammerl eine Krise der Soziologie heraufziehen (Hammerl, 2018).

Als Grund für diese Krise identifiziert Hammerl eine in der Soziologie verbreitete ‘Biophobie’ und die damit verbundene Ablehnung der – falschen – Annahme, soziale Phänomene seien genetisch determiniert (Hammerl, 2019). Damit scheint eine generelle Befürchtung einiger soziologischer Strömungen beschrieben zu sein, welche die Soziologie schon länger heimsucht: die Angst, dass die Beschreibung und Erklärung sozialer Phänomene auf nicht-soziologische Aussagen reduziert werden könnte; die Soziologie mithin eine Disziplin ohne wissenschaftliche Legitimation sei. Einst verursachte der Methodologische Individualismus entsprechende Abwehrreflexe, heute also die Evolutionstheorie.

Jedoch scheint mir hier nicht Biophobie das Problem der Soziologie zu sein, sondern ein tieferliegendes semantisches Missverständnis, welches durch die Diagnose ‘Biophobie’ durchaus befeuert wird anstatt es zu entschärfen. Denn bei Evolution geht es ja nicht per se um genetische Determination – es geht nicht einmal per se um Biologie. Sondern im Kern beschäftige sich Evolutionstheorien mit Anpassung und Entwicklung.

Damit würde ich eher bei einigen Forschenden auf dem Gebiet der evolutionären Soziologie einen zu weit ausgedehnten Erklärungsanspruch sehen. In dieser Hinsicht lässt sich hier durchaus auf Beiträge zum ÖGS-Kongress verweisen, mit der kritischen Anmerkung, dass die bloße Verquickung von Soziologie und Biologie noch keine evolutionäre Soziologie bedeutet. Mit Blick auf die Fruchtbarmachung der Evolutionstheorie für die Soziologie sollten beispielsweise solche Aussagen, dass ca. 50% der politischen links-rechts-Einstufung genetisch determiniert seien (vgl. Fieder, 2019), als Ansporn für eine kritische Hinterfragung sowohl unter theoretischen als auch unter methodischen Aspekten dienen. (Der hier exemplarisch angeführte Befund von Fieder (2019) zur genetischen Determination politischer Einstellungen ist zweifelsohne interessant. Für die Soziologie kann er aber nur Vorlage – nicht jedoch Ergebnis – sein.)

Tatsächlich scheint es eher so, dass biologische Momente ein ziemlich kleiner Teilbereich einer evolutionären Soziologie sein können. Denn Soziologie beschäftigt sich nun einmal mit gesellschaftlichen Aggregaten. Um das Evolutionskonzept in die Soziologie zu integrieren, ist es wohl angebracht, den Begriff der Evolution dafür zu ‚ent-biologisieren‘. Im Fokus evolutionärer Soziologie sollte die Anpassung gesellschaftlicher Aggregate an sich wandelnde Bedingungen stehen (wozu der ÖGS-Kongress 2019 mit dem Titel Alles im Wandel? Dynamiken und Kontinuitäten moderner Gesellschaften ein passendes Forum gewesen wäre); z.B. mit solchen Themen:

  • Was sind die zentralen Bedingungskomplexe, an welche sich gesellschaftliche Aggregate wie genau – also mit welchem Resultat – anpassen?
  • Damit verbunden: starke Transdisziplinarität bzw. Schnittstellen zu anderen Disziplinen. D.h. bei den zu untersuchenden Bedingungskomplexen sollte der Blick sich nicht lediglich auf soziale, ökonomische, und politische Felder richten. Auch z.B. Geografie könnte relevant sein.
  • Wie sehen die Prozesse der Anpassung gesellschaftlicher Aggregate im Detail aus?
  • (Weiter-) Entwicklung empirischer Methoden für eine bessere kulturübergreifende Vergleichbarkeit gesellschaftlicher Aggregate und ihrer Anpassungsprozesse.

Literatur

Fieder, M. (2019). Balancing Selection on Political Attitude in Humans. ÖGS-Kongress (Salzburg, 26. – 28. Semptember 2019), Ad-hoc Gruppe: Evolutionäre Soziologie. Zum Verhältnis von Evolutionstheorie und Soziologie.

Hammerl, M. (2018). Crisis in Sociology. In: Shackelford, T. K. & Weekes-Shackelford, V. A. (eds.) Encyclopedia of Evolutionary Psychological Science. Springer.

Hammerl, M. (2019). Evolutionary Theory and the Social Sciences. The Case of Evolutionary Sociology. 7th ISHE Summer Institute (Zadar, 24th August 2019), poster.

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