Gesunde Ernährung

Eine Replik

Die Behauptung

Die primäre Message des Blog-Beitrags von Knop (2022) wird bereits mit dem Titel formuliert: „Gesunde Ernährung – ein Mythos zerfällt: kein Herzschutz, kein Krebsschutz und … Pommes so ‚gesund‘ wie Mandeln!“. Propagiert würde dieser „Mythos“ durch die Ernährungswissenschaften, denen es jedoch an „echter Kausalevidenz“ fehle und die stattdessen die Bürger mit „Gesundheitswolken benebelt“.

Wer so formulierte Vorwürfe öffentlich und öffentlichkeitswirksam erhebt, sollte sich sicher sein, nicht auf zu dünnem Eis zu stehen. D.h. die Vorwürfe – und es sind Vorwürfe, nicht lediglich die im Wissenschaftsbetrieb quasi eingebaute Kritik – sollten stichhaltig sein: die Argumentation des Blog-Autors zielt auf methodische/methodologische Aspekte und sollte sich daher auch methodisch/methodologisch behaupten können. Auf der Bühne, auf die man sich stellt, wird man beurteilt.

Kein Herzschutz durch Gemüse?

Um diese konkrete Aussage zu untermauern, rekurriert der Autor auf eine Studie (Feng et al., 2022), in welcher Daten der UK Biobank ausgewertet wurden. Das daraus gewonnene Hauptargument ist, dass die beobachteten Effekte früherer Studien auf Störfaktoren zurückzuführen seien.

Das Berücksichtigen von Störfaktoren ist ja zunächst tatsächlich ein wichtiges Kriterium für Kausalevidenz bei nicht-experimentellen Studien. Werden Störfaktoren nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr, dass es die ermittelten Wirkungen der untersuchten Faktoren tatsächlich gar nicht gibt – sondern dass entsprechende Effekte eigentlich den Störfaktoren zugeschrieben werden müssten (worauf jedoch nur bei Berücksichtigung der Störfaktoren kontrolliert werden kann). Beispiel: wenn eine Korrelation (=statistischer Zusammenhang) zwischen der Anzahl von Störchen in bestimmten Gebieten und der Geburtenrate in den jeweiligen Gebieten ermittelt wird, dann wird unter statistischer Kontrolle auf den Störfaktor Urbanisierungsgrad der Effekt der Storchenzahl womöglich verschwinden. Sowohl die Geburtenrate als auch die Anzahl der Störche in den untersuchten Gebieten hängen in diesem Szenario vom Urbanisierungsgrad ab. Umgekehrt gilt jedoch nicht, dass die Anzahl der Störche ein Störfaktor für den Effekt des Urbanisierungsgrades auf die Geburtenrate ist, weil und insofern die Storchenzahl nicht den Urbanisierungsgrad beeinflusst.

Die Ursache-Wirkungs-Richtung ist beim Thema Störfaktoren also entscheidend. Und nun zu den vermuteten Störfaktoren aus der UK Biobank-Studie: Diabetes, Bluthochdruck, BMI, Einnahme von Statinen, Insulinbehandlung etc. Also wenn diese Faktoren als ursächlich für gemüsehaltige Kost (und für „Herzgesundheit“) aufgefasst werden – dann, ja, können hier Störfaktoren erkannt werden. Aber nach allem was wir wissen, ist im Gegenteil die Ernährung (mit-) ursächlich für die meisten der genannten Faktoren. In diesem Sinne können die genannten Faktoren eben gar keine Störfaktoren sein, sondern stattdessen eben genau die Pfade (technisch: „Mediatoren“), über die Ernährung wirkt. Oder hat ernsthaft jemand behauptet, dass gegessenes Gemüse das Herz in einen Kokon hüllt, der vor allerlei Unheil schützt?

Ferner gilt es, darauf hinzuweisen, dass die zitierte Studie die Auswirkungen der Ernährung auf einen äußerst eng gefassten Begriff der kardio-vaskulären Gesundheit untersucht: nämlich die durch eine Herzerkrankung ausgelöste Hospitalisierung oder der damit assoziierte Tod. In dieser Lesart ist die Herzgesundheit also nur dann negativ beeinträchtigt, wenn eine Person wegen kardio-vaskulären Komplikationen ins Krankenhaus eingeliefert oder auf dem Friedhof beigesetzt wird.

Kein Krebsschutz durch „gesunde Ernährung“?

Zu diesem Thema finden sich im Blog-Artikel die gleichen argumentativen Schwächen wie zur Herzgesundheit: das Vorliegen indirekter Effekte bzw. von Kausalketten („Mediatoren“) wird ignoriert oder mit dem Vorliegen von Störfaktoren verwechselt. Statt auf gesunde Ernährung solle man sich lieber darum bemühen, die „Risikofaktoren für Krebs, insbesondere Fettleibigkeit und Alkoholkonsum, zu verhindern“. Also diese Aussage hätte nur dann einen greifbaren Sinn, wenn Fettleibigkeit nichts mit gesunder Ernährung zu tun hat.

Eine Schwäche müsste der unter dieser Überschrift begutachteten Studie (Papadimitriou et al., 2021), die der Blog-Autor als Beleg für seine Kritik anführt, zum Vorwurf gemacht werden: die sogenannte Irrtumswahrscheinlichkeit, die bei der statistischen Überprüfung von Zusammenhängen ermittelt wird, als Effektstärke zu interpretieren, ist mindestens fragwürdig.

Pommes so „gesund“ wie Mandeln!

Den letzten Abschnitt des Blog-Texts beginnt der Autor mit der Behauptung, RCT („Randomized Controlled Trial“) sei der „Goldstandard“ unter den Untersuchungsdesigns. Das ist aber nur zum Teil richtig: durch die zufällige Aufteilung der Probanden auf die „Pommes-Gruppe“ und die „Mandel-Gruppe“ wird per se auf Störfaktoren kontrolliert; evtl. auftretende Störfaktoren mitteln sich gegenseitig aus. Schließlich werden keine einzelnen Personen verglichen, sondern die Durchschnittswerte der beiden Gruppen hinsichtlich der Gesundheit. Unter dem Aspekt der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die Lebenswelt außerhalb derartig künstlich herbeigeführter Situationen ist RCT jedoch nicht der Goldstandard, sondern ein nicht zu unterschätzendes Problem. Denn das gesamte Setting eines solchen Versuchsaufbaus, inklusive der stark beschränkten Möglichkeiten, die Gabe von Pommes bzw. Mandeln vor den Versuchspersonen zu verbergen, können einen erheblichen Einfluss auf die Probanden und deren Verhalten (auch unter gesundheitlichem Aspekt) haben.

Dann kritisiert der Blog-Autor aber überraschender- und zum Teil auch richtigerweise genau diejenige Studie (Smith et al., 2022), die zu dem Schluss kommt, dass Pommes so gesund wie Mandeln seien. Da werden nämlich gar nicht die Auswirkungen auf die tatsächliche Gesundheit bzw. das Erkrankungsrisiko untersucht, sondern lediglich auf bestimmte Biomarker, die eher schwache Hinweise auf gesundheitliche Risiken geben. Zudem erfolgte die entsprechende Untersuchung lediglich für 30 Tage. Letztlich erschließt sich mir nicht, wie die Diskussion dieser Studie in die Argumentation des Blog-Beitrags passt: ist nun das vom Blog-Autor als Schlagzeile formulierte Ergebnis der Studie („Pommes so gesund wie Mandeln!“) robust oder wegen der angeführten Schwächen kaum belastbar? Oder soll aus der geschaffenen Verwirrung ein grundsätzliches Argument gegen wissenschaftliche Forschung latent weitergesponnen werden?

Dieser Verdacht ist nicht völlig abwegig, insofern als Nächstes Stellung gegen zwei PREDIMED-Studien, Estruch et al. (2013) und Salas-Salvadó et al. (2014), bezogen wird (- hier ist der Blog-Artikel nicht ganz klar formuliert und es kann der Eindruck entstehen, dass hier über eine Studie geredet wird -), die zu dem Schluss kommen, dass mediterrane Ernährung gesundheitsförderlich ist. Besagten Studien werden Fehler beim methodischen Aufbau bzw. der statistischen Auswertung vorgeworfen. Dann wird geschlussfolgert, dass die berichteten Ergebnisse also nicht stimmen können. Zunächst: Kritik ist in beiden Fällen durchaus berechtigt. Der Blog-Autor führt als Quelle zum einen die „Unstatistik des Monats“ (www.unstatistik.de) an. Das vollständige „Unstatistik“-Zitat bezüglich Salas-Salvadó et al. (2014) scheint jedoch einen etwas anderen Schwerpunkt zu vermitteln, als der vom Blog-Artikel suggerierte statistische Auswertungsfehler: „Was diese Meldung zur ‚Unstatistik‘ macht, ist nicht, dass […] mediterrane Kost nicht gesund wäre. Es geht darum, wie diese Information kommuniziert wird“. Und das Ärzteblatt (www.aerzteblatt.de) schreibt mit Blick auf Estruch et al. (2013), dass diese „wegen statistischer Ungereimtheiten von den Autoren zurückgezogen“ wurde. Aber weiter heißt es dort: „Eine bereinigte Analyse der Ergebnisse […] bestätigt allerdings die ursprünglichen Ergebnisse, nach denen eine mediterrane Diät mit Olivenöl oder Nüssen […] vor kardiovaskulären Ereignissen schützen kann“ (s. Estruch et al., 2018).

Fazit

Die Argumentation des Blog-Artikels verstärkt hier möglicherweise ein verbreitetes Missverständnis über die grundsätzliche Funktionsweise von evidenzbasierter Wissenschaft: dass hinsichtlich sehr komplexer Themen teilweise widersprüchliche Forschungsergebnisse zustande kommen können, ist nicht nur ganz normal, sondern es ist der Antrieb für wissenschaftlichen Fortschritt. Zwar leisten auch methodisch nicht sehr gut durchgeführte Studien einen Beitrag zu einer in diesem Sinne unübersichtlichen Lage. Wesentlich häufiger sehen wir darin aber einen Verweis auf den Dauerzustand der „Unfertigkeit des Wissens“.

Jedoch: von diesem unbestimmten Zustand der Wissenschaft auf eine legitime Beliebigkeit bei der Auswahl von Forschungsergebnissen zu folgern, ist ein Fehlschluss. „Cherry Picking“ – das einseitige Auswählen von Forschungsresultaten, welche die eigene Position bestätigen – ist quasi Wissensbetrug. Gleiches gilt für die scheinheilige Anklage, dass wissenschaftliche Studien offenbar keine endgültigen Beweise (für was auch immer) liefern können. Dass sie das nicht können ist eine Sache der Logik und eigentlich ein ganz anderes Thema. Aber ohne darauf näher einzugehen, fordere ich doch ein Minimum an argumentativer Schlüssigkeit. Keinen endgültigen Beweis für etwas zu finden, heißt noch lange nicht, das Gegenteil bewiesen zu haben. Der Autor verkauft jedoch genau diesen Fehlschluss: „Und die Moral von der Geschicht‘? Beweise für gesunde Ernährung gibt es nicht! […] Vertrauen Sie beim Essen nur auf den, der weiß, was wirklich gut für sie ist: Ihr eigener Körper. […] Es gibt so viele gesunde Ernährungen, wie es Menschen gibt, denn: jeder Mensch is(s)t anders“.

Ich möchte ja nicht anzweifeln, dass Selbstbetrug im Alltag gewisse Funktionen haben kann. Aber die Betonung liegt auf „Selbst“. Es ist eine Anmaßung, diesen Betrug ungefragt für andere Menschen durchzuführen.

Referenzen

Estruch, R. et al. (2013). Primary prevention of cardiovascular disease with a mediterranean diet. New England Journal of Medicine, 368,1279-1290. https://doi.org/10.1056/NEJMoa1200303

Estruch, R. et al. (2018). Primary prevention of cardiovascular disease with a mediterranean diet supplemented with extra-virgin olive oil or nuts. New England Journal of Medicine. https://doi.org/10.1056/NEJMoa1800389

Feng, Q., Kim, J. H., Omiyale, W., Besevic, J., Conroy, M., May, M., Xang, Z., Wong, S. Y., Tsoi, K. K., Allen, N. & Lacey, B. (2022). Raw and cooked vegetable consumption and risk of cardiovascular disease: A study of 400,000 adults in UK Biobank. Frontiers in Nutrition, 9. https://doi.org/10.3389/fnut.2022.831470

Knop, U. (2022). Gesunde Ernährung – ein Mythos zerfällt: kein Herzschutz, kein Krebsschutz und … Pommes so „gesund“ wie Mandeln! https://www.xing.com/news/insiders/articles/gesunde-ernahrung-ein-mythos-zerfallt-kein-herzschutz-kein-krebsschutz-und-pommes-so-gesund-wie-mandeln-4682416 (13.04.2022)

Papadimitriou, N., Markkozannes, G., Kanellopoulou, A., Critselis, E., Alhardan, S., Karafousia, V., Kasimis, J. C., Katsaraki, C., Papadopoulou, A., Zografou, M., Lopez, D. S., Chan. D. S. M., Kyrgiou, M., Ntzani, E., Cross, A. J., Marrone, M. T., Platz, E. A., Gunter, M. J. & Tsilidis, K. K. (2021). An umbrella review of the evidence associating diet and cancer risk at 11 anatomical sites. Nature Communications, 12. https://doi.org/10.1038/s41467-021-24861-8

Salas-Salvadó, J. et al. (2014). Prevention of diabetes with mediterranean diets. Annals of Internal Medicine, 160,1-10.

Smith, D. L., Hanson, R. L., Dickinson, S. L., Chen, X., Goss, A. M., Cleek, J. B., Garvey, W. T. & Allison, D. B. (2022). French-fried potato consumption and energy balance: a randomized controlled trial. American Journal of Clinical Nutrition. https://doi.org/10.1093/ajcn/nqac045

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